MEIN HAUS AM SEE

Es wird, gelegentlich behauptet, weniger "Dinge" zu besitzen, ein einfaches Leben zu führen, wäre ein besseres Leben. Ist das so? Ist eine minimalistische Lebensführung wirklich eine bessere?

Es kommt darauf an, wie der Mensch an sich gestrickt ist. Wie und wo er aufwuchs. Ob er sich Gedanken macht. Über dies und das und die Welt im Allgemeinen. Sie wissen sicher, wie ich es meine. 

Für einen überzeugten Städter ist der Gedanke einer minimalistischen Lebensführung wahrscheinlich weniger interessant als für ein geborenes Landei wie mich. Oder vielleicht gerade für den zivilisationsüberdrüssigen Menschen? Einen, der all des Lärmes, der blinkenden Lichter und Hektik überdrüssig ist. Jemanden, der sich nach Ruhe und Abgeschiedenheit sehnt. Der sich einer täglich größer werdenden Menschenmenge in Ballungsgebieten entziehen will. Doch nicht kann, da er schon zu tief im falschen Leben verhaftet ist. Sich zu sehr gewöhnt hat. An die vielen "schönen" Dinge, die ihn vom einfachen Leben entfremdet haben.

Eines meiner Lieblingsbücher, Walden oder Leben in den Wäldern des amerikanischen Schriftstellers Henry David Thoreau aus dem Jahr 1854, beschreibt ein derartiges, reduziertes Leben. Fernab der Stadt mit "wenigen Dingen".  

In seinem Buch beschreibt Thoreau zwei Jahre seines Lebens, die er in einer Blockhütte in den Wäldern von Concord (Massachusetts) nahe eines Sees verbringt. Um schon damals, vor mehr als hundertfünfzig Jahren, wie er schreibt, der industrialisierten Massengesellschaft der aufstrebenden USA zu entkommen. Wie er zugab, nicht um der Welt zu entfliehen, sondern um den Versuch, einen anderen, alternativen Lebensstil zu verwirklichen. Ein selbstbestimmtes, freies, auf wenige Gebrauchsdinge reduziertes Leben. 
 
So ein Leben könnte mir wohl gefallen. In Gedanken besitze ich ebenfalls ein Häuschen am See. Dieses steht am Waldrand, ca. 50 Meter vom Wasser und den lästigen Mückenschwärmen entfernt. Ich blicke über die Wiese direkt auf den See, wenn ich in der Früh, bei Sonnenaufgang, mit dem Kaffee in der Hand vor die Tür gehe. Auf der Veranda sitzend, betrachte ich vorbeiziehende Vogelschwärme am wolkenlosen, blauen Himmel über mir. Am Seeufer schwimmt eine stolze Entenmutter mit ihrem schnatternden Nachwuchs am Bootssteg vorbei. An diesem schaukelt gut vertaut ein kleines, rotes Ruderboot. Ob heute die Fische beißen? Nach dem Morgenkaffee ein Blick in das Hühnergehege hinter dem Haus. Wieviel Eier es an diesem Morgen wohl sein mögen, die ich mir in die Pfanne schlagen kann?

In meiner imaginären Gedankenwelt besitze ich aus guten Gründen nur wenige Dinge. Imaginär, da mir mangels finanzieller Möglichkeiten die reale Umsetzung meiner Wünsche nicht möglich ist. Doch ob nun real oder nicht. Allein die Vorstellung eines Hauses am See tut der armen Seele gut.
 
In meinem Haus am See gibt es wenige, dafür notwendige, praktische Dinge. Ein Bett. Ein Tisch, zwei Stühle. Ein Bücherregal. Eine alte Küchenhexe, auf der ich koche, die meine Hütte an kalten Tagen warmhält. Einen Topf, eine Pfanne,  Geschirr und Besteck für zwei Personen. (Falls Besuch kommt.) Einen Kleiderschrank. Darin alles zweimal. Bettdecke. Bettzeug. Hose. Jacke. Unterhemd. Unterhose. Strümpfe. Pullover. Zwei Paar Schuhe. Alles jeweils für die warme, oder kalte Zeit im Jahr.  

Auf der selbstgezimmerten Anrichte steht mein batteriebetriebenes Radio mit Kassettendeck aus alten Jugendtagen. Die selbst aufgenommenen Kassetten, die ich abends höre, stammen aus den Siebzigern und Achtzigerjahren. Der guten, alten Zeit, wie oft zu hören ist. Janis Joplin, Led Zeppelin, Sonics, Miles Davis, Fleetwood Mac. The Clash. Hundert andere. 
 
Neben der Küchenzeile habe ich eine Vorratskammer. In dieser auf rohen Regalbrettern Eingemachtes aus eigenem Obst- und Gemüseanbau. Einen Vorrat an Salz, Zucker, Trockenhefe, Gewürzen, Reis, Mehl, Kartoffeln und Äpfeln. Auch Kaffee. Selbst angebauter und fermentierter Tabak. Ein paar Wein- und Schnapsflaschen. Daneben Kerzen. Batterien. Erste-Hilfe-Box. Medikamente. Was man halt so braucht.
 
Tja. Meiner Gedankenwelt habe ich Grenzen gesetzt. In meinem Haus am See steht kein Fernsehgerät. Hat es keine elektrischen Küchengeräte. Keinen Briefkasten. Kein Telefon. Kein Internet. Bin ich elektronisch nicht erreichbar. Wer mich sehen will muß den Waldgang wagen. Der Wald ist nicht groß. Der Weg nicht beschwerlich. Es ist kein langer. Ein Trampelpfad von der Landstraße zu meinem Haus ist vorhanden. Keinen Kilometer lang. Oft schon bin ich ihn selbst gegangen. 
 
Zu meinem Haus am See der wenigen Dinge.

 

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