Letzte Woche war wieder einmal Freitag, der 13. So weit ich mich erinnere, mein erster richtiger.
Was schiefgehen konnte an dem Tag, ging schief. Vom Achsenbruch meines alten Fords um die Mittagszeit, einem mittelschwerwiegenden Missverständnis am späten Nachmittag bis zum krönenden Abenddesaster eines vermaledeiten Tages.
Über das „Missverständnis“ kein Wort. Das krönende Abenddesaster, dies sei erwähnt, war eine leere Kiste Bier. Doch eins nach dem anderen. Depremiert und abgekämpft kam ich gegen Sonnenuntergang nach Hause gehumpelt. Den Fußmarsch überstand ich in Vorfreude auf eine Flasche Bier. Daheim angekommen, musste ich feststellen: Es war kein Bier mehr im Haus. Was nun? Der letzte Kiosk in der Nähe, zwei Dörfer weiter, schloss ende letzten Jahres. Die nächste Tankstelle war fünfzehn Kilometer entfernt. Für eine Fahrradtour dorthin fehlte mir jedoch die Energie. Zudem. Ohne funktionierendes Licht? Besser nicht.
Eine Wirtschaft gab es seit Jahrzehnten nicht mehr im Ort. Auch bei uns starb die Kneipe im Dorf. An den Kosten. Neuen, staatlichen Auflagen. Für ländliche Verhältnisse kaum zu bewältigende Verordnungen. So wurde vor Jahren nicht nur manch dörfliches Trinkerherz gebrochen. Auch die Gemeinschaft litt daran. Ist ein Schelm, wer dahinter Absicht vermutet? Ich denke nicht.
Freitag, der 13., hatte noch kein Ende. Und ich keine Flasche Bier. So ging ich frustriert und unterhopft in den Keller. Wo das Weinregal stand. Spärlich bestückt. Ich zog die letzte Flasche Primitivo heraus. Die war eigentlich für besondere Anlässe gedacht. Nun ja, der heutige Tag war ein solcher.
Es heißt, glücklich ist der Mensch, wenn er einen Garten und eine Bibliothek sein Eigen nennt. Ich besitze beides. Fühlte mich an diesem Abend jedoch nicht wirklich glücklich. In Zeiten künstlicher Intelligenz sind tausend und ein Buch im Haus unnützes Wissen. Bis zu dem Tag, an dem der Strom weg ist. Für länger. Dann steht all das gespeicherte Wissen für einen großen Teil der Menschheit nicht länger zur Verfügung. Wie das Wissen um den Garten schon heute vielen Menschen ein Buch mit sieben Siegeln ist.
Ich schnappte mir die Flasche Primitivo und ging hinaus in den Garten. Es regnete nicht. Es war nicht kalt. Es dämmerte. Ein paar Vögel zwitscherten sich gute Nacht zu. Dann machte es plopp. Die Flasche war entkorkt. Ich goß mir einen ein. Randvoll. Blickte im Gartenstuhl fläzend mit dem Glas in der Hand über den Zaun hinweg auf den neuen Windpark, der seit letztem Jahr die Umgebung verschönert. Einer von vielen. Nicht der letzte wird es sein. Drei weitere wurden letztes Jahr noch schnell von der Einheitspartei genehmigt. Ach, wie wunderbar Demokratie doch sein kann.
Und ja, ich weiß, das macht man nicht. Es gehört sich nicht. Doch ich tat es. Ich kippte das Glas Rotwein vollmundig in einem Zug hinunter. Schenkte mir ein zweites nach und prostete den Windrädern nur wenige Kilometer entfernt zu. Und weg damit.
Die Sonne verschwand währenddessen im Dunkeln hinter dem Windpark. Bald wurde die Nacht von hunderten Signallichtern rot blinkend zerblitzt. Vor wenigen Jahren noch war der Nachthimmel zu dieser Zeit vom Mondschein und dem Sternenhimmel erhellt. Das war einmal. Statt Sterne zogen heute über meinem Haupt viele Tausend Satelliten ihre Kreise. Musk sei es gedankt.
Weiter entfernt, unten in der Ebene, ein altbekanntes, orange-gelbes, farbiges Schauspiel. Im Stahlwerk Salzgitter wurde gerade ein Abstrich gemacht. Es wurde also noch in Stahl gemacht. Soll niemand behaupten, die deutsche Stahlindustrie hätte Sorgen. Ich hoffe, dort unten arbeiten sie mit Strom aus erneuerbaren Energien. Deutschland muss hier mit gutem Beispiel vorangehen. Der Welt zeigen, dass ein führendes Industrieland klimaneutral werden kann. Und wie kann ein Land schnell und billig klimaneutral werden?
Indem es seine Industrie aufgibt. Das Leben kann so einfach sein.
Foto: TK. Blick am Abend auf Feld und Wald
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