Mein Leben im Jahre 2026. In Deutschland. Westeuropa. Habe ich Grund zur Klage? Wenig. Habe ich Grund zur Sorge. Ja. Mehr als man beizeiten so vertragen kann.
Doch sei zuerst ein irritierendes Thema zuletzt geführter Gespräche mit Freunden und Bekannten erwähnt. Es ging um finanzielle Sicherheiten. Diesen, meinen Freunden und Bekannten geht es gut. Sie gehören zu den Besitzenden. Was Eigentum, Rücklagen, einen gewissen, materiellen Wohlstand an sich angeht. Sie wurden nicht arm geboren. Gehören zumeist der Erbengeneration an. Und doch klagen sie auf hohem Niveau.
Ich hörte verwundert zu. Mich überkam der Eindruck, dass sie, trotz eines eigenen Hauses, weiterer, geerbter Immobilien, beachtlicher Vermögenswerte und finanzieller "Rücklagen" von existenziellen Sorgen geplagt wurden. Da ich ihre Sorgen nicht wirklich teilen konnte, hielt ich mich mit den meinen zurück. Sie hätten die meinen nicht verstanden, da diese weit unter Niveau lagen.
Mehrmals musste ich beim Zuhören an die SPD-Politikerin Elfie Handrick denken, die mit ihrer, in einem Interview gemachten Äußerung auf sich aufmerksam machte: "Was haben die Bürger denn für Sorgen und Nöte? Ich kann das nicht verstehen.“ Nun, irgendwie bin ich da heute bei ihr. Wenn auch anders als sie es meinte.
Gesellschaftliche Sorgen und Nöte wie die innere Sicherheit und Migration werden in Gesprächen von mir nicht länger angesprochen. Die Diskussion darüber macht verdächtig, auf der bösen Seite zu stehen. Daher auch besser nicht über die immens steigenden Energiekosten sprechen, die Wirtschaft und Bevölkerung das Genick zu brechen drohen. Allein der kleine Hinweis auf die Beschaffungsmöglichkeit günstiger Energie kann einen als Putinfreund diskreditieren. Dann doch lieber für den vier- bis fünffachen Preis über Indien mittels Tanker (wie lange noch?) beziehen. Statt relativ umweltfreundlich wie CO₂-befreit über eine Ostsee-Pipeline. Hauptsache, das falsche Gesicht bleibt gewahrt.
Tja, welche Sorgen und Nöte hat der Teil der Bevölkerung, dem es (noch) gut bis besser geht? Die derzeitige Inflation scheint vielen nicht den Schlaf zu rauben. Ob das Stück Butter nun 1 oder 3 Euro kostet, der Liter Diesel 2,30 oder 3,20 Euro. Wo ist das Problem? Und wenn es keinen Treibstoff mehr an der Tankstelle gibt, dann wird sich eben ein energiebetriebener Vorstadtpanzer gekauft. Finanziell ist der Kauf für viele Menschen kein Problem. Für den nötigen Strom sind mehrere tausend neuer Windräder schon geplant. Die Räder für den Wandel werden schon rollen.
Eine Politikverdrossenheit, Sorgen, dass Politiker den Bezug zur Lebensrealität der Bürger verloren haben, kann ich nach den letzten Wahlergebnissen in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen nicht wirklich feststellen. Werden doch von einer Mehrheit der Wähler weiterhin die Parteien gewählt, die seit Jahrzehnten für die heutigen Zustände verantwortlich sind und für jene, die kommen werden.
Ja, diese gute Mehrheit. Die ist schon so eine. Eine, die sich von gestrandeten Walen oder einer rechtlich nicht bestätigten, virtuellen Vergewaltigung derart blenden lässt, dass sie die schweren Lkws, die auf sie zurasen, nicht kommen sieht. Nicht sehen möchte. Ja. "Was haben die Bürger denn für Sorgen und Nöte? Ich kann das nicht verstehen.“
Sollten die Sorgen und Nöte doch zu groß werden, dann haben nicht wenige derjenigen, die Mitverantwortung tragen, die finanziellen Möglichkeiten, die Mittel rechtzeitig zur Seite zu springen bevor der Lkw sie erfasst. Soll heißen: sie verlassen das Land, bevor es zu spät ist. Zurückbleiben werden diejenigen, die es sich nicht leisten können. Die Parteien wählten, die einen Richtungswechsel zu versuchen wagten. Parteien, denen Wählerstimmen versagt wurden, Parteien, die die falschen Farben trugen. Parteien, die die Sorgen und Nöte von Bürgern verstehen und daher bekämpft werden.
Laut einer neuen Umfrage wollen mehr als 20 % der Jugend im Alter von 14 bis 29 Jahren nach der Ausbildung oder ihrem Studienabschluss das Land verlassen. Aufhorchen bei dieser Studie sollten wir, dass es der leistungsbereite Teil der Jugend ist, dem im eigenen Land heute die Hoffnung zu bleiben fehlt.
Ich werde bleiben müssen. Im vergehenden Land. Ohne Hoffnung, Jugend und finanzieller Möglichkeit einer Lebensveränderung. Doch geht das schon in Ordnung. Ein paar Querulanten müssen vor Ort ja die Stellung halten.
Spaß beiseite. Zurück zum Anfang des Textes. Habe ich Grund zur Klage? Viel Nein, wenig Ja.
Heute Morgen unter der Dusche. Ich habe das große Privileg, warm duschen zu können. Ich kann eine Toilette nutzen. Drücke auf einen Knopf und schwupps wird alles in die dörfliche Kanalisation gespült. Wie wunderbar. Zum Frühstück gibt es Eier vom Hühnernachbarn, Honig aus dem Nachbardorf, eigene Marmelade und Wildwurst von hiesigen Jägern auf selbstgebackenen Dinkelbrötchen. Lecker.
Ich habe ein trockenes Dach über dem Kopf. Wenn auch „nur zur Miete“. Ein weiches Bett und wärmende Decken. Fließend Strom und Wasser. Ich kann telefonieren. Welch ein Glück im Notfall. Von solch einem Luxus konnten selbst Könige und Fürsten einst nur träumen. Hinter dem Haus ist ein Garten mit Obstbäumen und Gemüsebeeten. Gärtnern macht Spaß, ist gut für die Gesundheit und bringt was ein. Habe ich Zahnschmerzen, so kann ich mich kurzfristig behandeln lassen. Habe ich gesundheitliche Probleme, ist mir ärztliche Versorgung garantiert. Noch im letzten Jahrhundert wären eine Blinddarmentzündung, eine Zahnwurzelvereiterung vielleicht ein Todesurteil gewesen. Habe ich hier Grund zur Klage? Nein. Habe ich nicht.
Sorgen jedoch, die habe ich wie ein jeder Mensch. Über dies und das. Im Großen wie im Kleinen. Meist, wenn es mir im Kleinen zu gut geht. Ich mache mir Sorgen um die vielen Brandherde auf der Erde. Um die Menschen, die dort leben. Die in Kriege geschickt werden, um für andere Interessen zu töten und getötet zu werden. Ich mache mir Sorgen um das eigene Land und seine Menschen. Um jene, die glauben, was sie zu glauben haben. Die für Lüge halten, was heute Lüge zu sein hat. Über diejenigen, die weiterhin Parteien und Politiker wählen, die mit Lügen Wahlen gewinnen und nach der Wahl die Wahrheit verbieten. Diejenigen die Eide brechen um das Wohl des Volkes zu mindern. Den Wohlstand zu senken.
Und, ich mache mir Sorgen um die Aufrechten im Land. Die standhalten. Noch immer die Kraft aufbringen gegen die Lüge halten. Die Aufzuklären versuchen. Die nicht unter der Lüge zerbrechen. Sorge mich, das sie nicht gebrochen werden.
Es ist in der Tat nicht einfach, das Leben im Sorgenland.

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