Gestern führte ich ein Gespräch mit Freunden und Bekannten zu einem
irritierenden Thema: Es ging um finanzielle Sicherheiten. Meinen
Gesprächspartnern geht es gut. Sie gehören zu den Besitzenden –
jedenfalls, was Eigentum, Rücklagen und einen gewissen materiellen
Wohlstand angeht. Sie wurden nicht arm geboren. Gehören zumeist der
Erbengeneration an. Und doch klagen sie auf hohem Niveau.
Ich
hörte verwundert zu. Mich überkam der Eindruck, dass sie, trotz eines
eigenen Hauses, weiterer geerbter Immobilien, beachtlicher
Vermögenswerte und finanzieller „Rücklagen“, von existenziellen Sorgen
geplagt wurden. Da ich ihre Sorgen nicht wirklich teilen konnte, hielt
ich mich mit meinen zurück. Sie hätten meine Sorgen sowieso nicht
verstanden, da diese weit unter ihrem Niveau lagen.
Mehrmals
musste ich beim Zuhören an die SPD-Politikerin Elfie Handrick denken,
die 2019 mit einer Interview-Äußerung auf sich aufmerksam gemacht hatte:
„Was haben die Bürger denn für Sorgen und Nöte? Ich kann das nicht
verstehen.“ Nun, irgendwie bin ich da bei ihr. Wenn auch ganz anders,
als sie es wohl meinte.
Gesellschaftliche Sorgen und Nöte wie
die innere Sicherheit und Migration werden in Gesprächen von mir nicht
länger angesprochen. Die Diskussion darüber macht verdächtig, auf der
bösen Seite zu stehen. Daher auch besser nicht über die immens
steigenden Energiekosten sprechen, die Wirtschaft und Bevölkerung das
Genick zu brechen drohen.
Allein der kleine Hinweis auf die
Beschaffungsmöglichkeit günstiger Energie kann einen als Putinfreund
diskreditieren. Dann doch lieber für den vier- bis fünffachen Preis über
Indien mittels Tanker (wie lange noch?) beziehen. Statt relativ
umweltfreundlich und CO₂-befreit über eine Ostsee-Pipeline. Hauptsache,
das falsche Gesicht bleibt gewahrt.
Tja, welche Sorgen und Nöte
hat der Teil der Bevölkerung, dem es (noch) gut bis besser geht? Die
derzeitige Inflation scheint vielen nicht den Schlaf zu rauben. Ob das
Stück Butter nun ein oder drei Euro kostet, der Liter Diesel 2,30 oder
3,20 Euro. Wo ist das Problem? Und wenn es keinen Treibstoff mehr an der
Tankstelle gibt, dann kauft man sich eben einen energiebetriebenen
Vorstadtpanzer. Finanziell ist der Kauf für viele Menschen kein Problem.
Für den nötigen Strom sind mehrere tausend neue Windräder geplant. Die
Räder für den Wandel werden schon rollen.
Eine
Politikverdrossenheit, Sorgen, dass Politiker den Bezug zur
Lebensrealität der Bürger verloren haben, kann ich nach den letzten
Wahlergebnissen in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen nicht
feststellen: Eine Mehrheit der Wähler gibt ihre Stimme weiterhin jenen
Parteien, die seit Jahrzehnten für die heutigen Zustände verantwortlich
sind und für jene verantwortlich sein werden, die noch kommen.
Ja,
diese gute Mehrheit. Die ist schon so eine. Eine, die sich von
gestrandeten Walen oder einer rechtlich nicht bestätigten, virtuellen
Vergewaltigung derart blenden lässt, dass sie die schweren Lkws, die auf
sie zurasen, nicht kommen sieht. Nicht sehen möchte: „Was haben die
Bürger denn für Sorgen und Nöte? Ich kann das nicht verstehen.“
Sollten die Sorgen und Nöte doch zu groß werden, dann haben die Verantwortlichen die finanziellen Möglichkeiten, rechtzeitig zur Seite zu springen, bevor der Lkw sie erfasst. Soll heißen: Sie verlassen das Land, bevor es zu spät ist. Zurückbleiben werden diejenigen, die es sich nicht leisten können. Die Parteien wählten, die einen Richtungswechsel zu versuchen wagten. Parteien, denen Wählerstimmen versagt wurden. Parteien, die die falschen Farben trugen. Parteien, die die Sorgen und Nöte von Bürgern verstehen und daher bekämpft werden.
Laut einer neuen Umfrage wollen mehr als zwanzig Prozent der befragten Deutschen im Alter von 14 bis 29 Jahren nach der Ausbildung oder ihrem Studienabschluss das Land verlassen. Aufhorchen bei dieser Studie sollten wir, dass es der leistungsbereite Teil der Jugend ist, dem im eigenen Land heute die Hoffnung zu bleiben fehlt.Ich werde bleiben müssen. Im vergehenden Land. Ohne Hoffnung, Jugend und finanzielle Möglichkeit einer Lebensveränderung. Doch das geht schon in Ordnung. Ein paar Querulanten müssen vor Ort ja die Stellung halten.
Spaß beiseite. Zurück zum Anfang des Textes. Habe ich Grund zur Klage? Viel Nein, wenig Ja.
Heute Morgen unter der Dusche. Ich habe das große Privileg, warm duschen zu können. Ich kann eine Toilette nutzen. Drücke auf einen Knopf und schwupps wird alles in die dörfliche Kanalisation gespült. Wie wunderbar. Zum Frühstück gibt es Eier vom Hühnernachbarn, Honig aus dem Nachbardorf, eigene Marmelade und Wildwurst von hiesigen Jägern auf selbstgebackenen Dinkelbrötchen. Lecker.
Ich habe ein trockenes Dach über dem Kopf. Wenn auch „nur zur Miete“. Ein weiches Bett und wärmende Decken. Fließend Strom und Wasser. Ich kann telefonieren. Welch ein Glück im Notfall. Von solch einem Luxus konnten selbst Könige und Fürsten einst nur träumen. Hinter dem Haus ist ein Garten mit Obstbäumen und Gemüsebeeten. Gärtnern macht Spaß, ist gut für die Gesundheit und bringt was ein. Habe ich Zahnschmerzen, so kann ich mich kurzfristig behandeln lassen. Habe ich gesundheitliche Probleme, ist mir ärztliche Versorgung garantiert. Noch im letzten Jahrhundert wären eine Blinddarmentzündung, eine Zahnwurzelvereiterung vielleicht ein Todesurteil gewesen. Habe ich hier Grund zur Klage? Nein. Habe ich nicht.
Sorgen jedoch, die habe ich wie ein jeder Mensch. Über dies und das. Im Großen wie im Kleinen. Meist, wenn es mir im Kleinen zu gut geht. Ich mache mir Sorgen um die vielen Brandherde auf der Erde. Um die Menschen, die dort leben. Die in Kriege geschickt werden, um für andere Interessen zu töten und getötet zu werden. Ich mache mir Sorgen um das eigene Land und seine Menschen. Um jene, die glauben, was sie zu glauben haben. Die für Lüge halten, was heute Lüge zu sein hat. Über diejenigen, die weiterhin Parteien und Politiker wählen, die mit Lügen Wahlen gewinnen und nach der Wahl die Wahrheit verbieten. Diejenigen, die Eide brechen, um das Wohl des Volkes zu mindern. Den Wohlstand zu senken.
Und ich mache mir Sorgen um die Aufrechten im Land. Die standhalten. Noch immer die Kraft aufbringen, gegen die Lüge zu halten. Die aufzuklären versuchen. Die nicht unter der Lüge zerbrechen. Sorge mich, dass sie gebrochen werden.
Es ist in der Tat nicht einfach, so ein Leben im Sorgenland.
Foto: TK

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