WENN DIE DINGE IHREN WERT VERLIEREN

Letzte Woche fuhr ich in das nächste Dorf zum Einkaufen. Dort angekommen, ging ich vom Parkplatz in den Laden an einem Stapel Bücher vorbei.
 
Irgend jemand hatte sie vor dem Laden auf einer Anrichte zum Mitnehmen gelegt. Wer wollte, konnte beherzt zugreifen und sich eines oder mehrere einstecken. 
 
Es waren zumeist Romane. Die Bücher stammten aus den Sechzigern und Siebzigern. Manche gebunden. Hardcover, wie das heute heißt. Wahrscheinlich war wieder eine alte Leseratte verstorben und die Erben konnten mit diesem Teil des Nachlasses nichts anfangen und entsorgten die Bücher beim Gang zum Supermarkt. Einige Autoren kannte ich gut. Andere nicht. Die ich kannte, gehörten zu meiner Jugend- und auch Schullektüre. Lessing. Remarque. Borchart. Frisch und dergleichen. Ob Remarque und Frisch noch heute an Schulen gelesen werden und wenn ja, mit Interesse? Ich bezweifle es"Im Westen nichts Neues“ von Remarque wäre in Betrachtung einer neueren deutschen Interessenpolitik an Schulen da eher kontraproduktiv. Lektüre wie diese könnte die nötige Wehrbegeisterung der Jugend für den geplanten Bedarf mindern.
 
Zurück zum Wert der Dinge. Zu denen Bücher nun einmal gehören. Ihr Wert scheint enorm gesunken. Wie der Wert des Friedens in heutiger Unzeit. Denn Bücher können heutzutage an vielen Ecken und Orten für lau, einfach so, mitgenommen werden. Nicht nur von denjenigen, die des Lesens mächtig sind. Denjenigen unter uns, welche die seltener werdende Eigenschaft besitzen, zusammenhängende Texte, länger als 60 Sekunden zu erfassen. Die lesen um sich zu bilden. Den eigenen Horizont zu erweitern. Wie es heißt. Aber auch von denen, die nach einer Buchseite, mental zusammenbrechen. Vielleicht greifen solche wegen des farbigen, gut gestalteten Covers zu. Oder zum Entzünden eines Ofenfeuers. Keine Ahnung. Ich greife seit geraumer Zeit jedenfalls nicht mehr zu.

Die mich interessierende Bücher stehen daheim in mehreren Zimmern in den Regalen. Gestapelt in Kisten im Keller und auf dem Dachboden. Beizeiten überfällt mich der bedrückende Gedanke, dass in diesen Büchern für mich nur unnützes Wissen steht. Haben sie mir, letztendlich, doch kein "besseres Leben" ermöglicht. Vielleicht sogar auf falsche Wege geleitet. Ins Irrlicht geführt. Ich mich in fünf Jahrzehnten mittels vermeintlicher Fach- Sach und Weltliteratur womöglich an den gesellschaftlichen Rand gelesen habe. Seit 2020/21 hat sich dieser Eindruck verfestigt.
 
Hört sich deprimierend an. Ja, weiß ich selbst. Doch zu welchen Gedankengängen hat mich das geschriebene Wort abendländischer Literatur verleitet? Zu denen, die mich zu dem machten, der ich heute bin. Zu einem "Waldgänger" letztendlich. Einen, der, ein Beispiel, Krieg vollkommen scheiße findet. Der Menschen beängstigend findet, die "in Aktien" machen. Schlimmstenfalls sich an der Wertsteigerung ihrer "Rheinmetall-AG-Aktien" erfreuen. Blutaktien, die ihnen ein Leben in Saus und Braus fernab des dazu erforderlichen Fleischwolfes ermöglichen. 
 
Zurück zum geschriebenen Wort auf Papier, dessen ich leid geworden bin. Bringt es mir die Miete ein? Nein. Hat es mir auf Jobsuche geholfen? Nein. Mir ein gutes, besseres Leben eingebracht? Obwohl. Kommt eben darauf an, was man sich unter diesem "besseren Leben" vorstellt.
 
Schaue ich auf die letzten Jahrzehnte zurück, hätte ich auch gleich nach der Grundschule abgehen können. Vier Jahre waren, wenn ich so darüber nachdenke, ausreichend für mich. Ich hätte keine Bücher lesen müssen, um die meisten der Jobs zu machen, die ich bis heute mache. Sogesehen, waren die restlichen zehn Schuljahre, sowie Lehr- und Studienjahre verjubelte Lebenszeit. Im dunklen Jetzt betrachtet. 
 
Die mir verbleibenden Jahre möchte ich jetzt "aufgeräumt" verleben. Soll heißen: Bis auf meine TOP-100 meiner Lieblingsbücher das Haus von den mehr als tausend anderen befreien. Die im Keller, auf dem Dachboden, in Kisten und Koffern. Ecken und Kanten. Was nicht leicht ist. Meine Angebote auf KLEINANZEIGEN, EBAY und mehreren Antiquariatsportalen haben bisher kaum Interesse hervorgerufen. Bücher scheinen heutzutage nur wenige Menschen noch hinter der Wärmepumpe hervorzulocken. Bücher haben, wie andere Dinge in heutiger Zeit deutlich an Wert eingebüßt. 
 
Wer noch Interesse an Büchern haben sollte, Platz hat, darf sich gerne bei mir melden. Zu haben sind Bücher über Philosophie. Religionen. Geschichte. Soziologie. Politik. Heilkunde. Kochbücher. Gartenbücher. Sachbücher. Reisebücher. Völkerkunde. Natur- und Tierbücher. Auch Romane (gute) sind dabei. Alles unnützes Wissen in heutiger Zeit.  

Foto: TK 

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